Genderpolitik
Frauen und Männer haben einen unterschiedlichen Alltag. Die Zugehörigkeit zum weiblichen oder männlichen Geschlecht ist noch immer eine der prägendsten und bedeutsamsten gesellschaftlichen Unterscheidungen. Denn das Leben von Frauen und Männern weist in den meisten Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens große Unterscheide auf, ohne dass dies immer bewusst wäre.

Beispiel Berufswahl:
Frauen machen die besseren Schulabschlüsse, 53% aller Studienanfänger sind Frauen. Aber obwohl es ca. 400 Ausbildungsberufe gibt, entscheiden sich die meisten Mädchen nur zwischen 10 Berufen. Und diese sind davon geprägt, dass sie vergleichsweise schlechter vergütet werden und geringere Aufstiegschancen bieten. Bei der Studienwahl bevorzugen Frauen Fächer wie Sprachen, Pädagogik, Psychologie oder Medizin.

Studienberechtigte SchulabgängerInnen: 1992 47% Frauen, 2002 53%
StudienanfängerInnen: 1992 43%, 2002 49%
Erstimmatrikulierte 1992 2002
Sprach- und Kulturwissenschaften: 70% 74%
Ingenieurwissenschaften: 16% 21%
Humanmedizin: 48% 63%
Veterinärmedizin: 76% 82%

Frauen entscheiden sich eher für Berufe, die sie als „Zuverdienst“ begreifen, und die sie zu Gunsten von Familienarbeit aufgeben oder die Teilzeit ermöglichen.
Eine erfolgreiche Genderpolitik würde hier also dazu führen, dass 390 Ausbildungsberufe attraktiver für Frauen werden, die Berufberatung Frauen eine größere Bandbreite vorstellt und der Schulunterricht Mädchen gerade in den Naturwissenschaften nicht hängen lässt.

Beispiel Mobilität
Frauen nutzen vorzugsweise öffentliche Verkehrsmittel, gehen häufiger zu Fuß und sind öfter mit Kindern unterwegs. Eine erfolgreiche Genderpolitik würde Verkehr frauenfreundlicher organisieren, also gerade den öffentlichen Personennahverkehr ausbauen und weniger dem Fernstraßenverkehr zukommen lassen.

Beispiel Gesundheit
Frauen und Männer unterscheiden sich in ihrem Körper- und Gesundheitsbewusstsein. Frauen nehmen Vorsorgeangebote stärker wahr und gehen früher zur Ärztin/ zum Arzt. Krankheitssymptome äußern sich bei Frauen oft anders als bei Männern, zum Beispiel bleibt ein Herzinfarkt bei ihnen häufiger unerkannt, und obwohl weniger Frauen als Männer einen Herzinfarkt erleiden, sterben mehr Frauen daran.
Eine erfolgreiche Genderpolitik würde also für bessere Vorsorgeangebote für Männer sorgen und in der Arzneimittelforschung stärker die Auswirkungen auf Frauen untersuchen (Problematisch ist das deshalb, weil sich Probanden bei Arzneimittelstudien einer strengen Verhütung verpflichten müssen und Frauen im gebährfähigen Alter einem zusätzlichem Folgerisiko ausgesetzt sind )
Eine erfolgreiche Genderpolitik würde außerdem stärker darauf aufmerksam machen, dass Krankheiten, die in höherem Maße Frauen treffen (z.B. Magersucht) bei Männern nicht unerkannt bleiben.

Beispiel Sport
Frauen bevorzugen Breiten- und Freizeitsprotarten, wie Reiten, Tennis, Turnen und Tanzen, Männer entscheiden sich häufiger für Mannschafts- und Wettkampfsporte. Eine erfolgreiche Genderpolitik würde dem in der Förderpolitik Rechnung tragen.

Auch werden Männern in den Medien als Sportler mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Wo ist die Skispringerin, die Radfahrerin, wer weiß, dass wir im Fußball Weltmeisterin sind?

Obwohl mittler Weile 40% der Mitglieder in Sportvereinen Frauen sind, ist ihr Anteil unter den FunktionärInnen nur 25%. Vereinsvorsitzende sind sogar nur 9%. Sportliches Ehrenamt ist offensichtlich prestigeträchtiger als andere Ehrenamte!

Beispiel Karriere
Frauen sind in den Führungspositionen an Hochschulen und in außerhochschulischen Forschungseinrichtungen weiterhin unterrepräsentiert. 53% beginnen ein Studium, Ihr Anteil in der Qualifikationsphase ist konstant (also 1997 begannen 48% ein Studium, und 2002 schlossen 48% ihr Studium ab);

Bei der Hochschulkarriere ist allerdings eine sinkende Beteiligung nach Graden festzustellen: 36% promovieren, 21% habilitieren und 6,5 % haben 2002 eine Professur inne. 2003 sind mit 197 Frauen 16% in der Hochschulleitung vertreten. Bei den außerhochschulischen Führungsfunktionen in Forschungsinstituten liegt der Frauenanteil gerade mal bei 6,6 %.

Alle diese Werte weisen eine kontinuierliche Steigerung in den vergangenen 10 Jahren auf.

Zahlen aus: Bund-Länder.Kommission, Heft 122; achte Fortschreibung des Datenmaterials, 2te überarbeitete Fassung (erste mit Beschluss von 1998 erschien 2000)

Beispiel Wirtschaft
Frauen verdienen im Schnitt nur 76% dessen, was Männer verdienen. In Gehaltsverhandlungen sind sie zurückhaltender, und sie sind häufiger in Teilzeit beschäftigt. Eine erfolgreiche Genderpolitik würde erreichen, dass für gleichwertige Arbeit der gleiche Lohn gezahlt würde. Denn weniger Lohn heißt auch weniger Möglichkeit zur privaten Vorsorge und weniger Rente.


Instrumente der Genderpolitik:

Gender Mainstreaming
Gender Mainstreaming ist ein gleichstellungspolitisches Instrument, das die Ausgewogenheit von Ressourcen (Macht, Geld und Zeit) zwischen Frauen und Männern zum Ziel hat. Es bedeutet, bei allen politischen, juristischen, monetären und organisatorischen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern zu berücksichtigen. Gender Mainstreaming ist eine Querschnittsaufgabe nicht nur der Politik, sondern auch von Unternehmen und Organisationen und sollte als Top-down-Strategie von den höchsten Führungsetagen durchgeführt werden.

Gender Mainstreaming ist kein Ersatz für Frauenpolitik, sondern neben Frauenförderung und Quotierung ein weiteres Instrument zur Chancengleichheit. Gender Mainstreaming ist im Amsterdamer Vertrag rechtsverbindlich vorgeschrieben, und wurde per Kabinettbeschluss vom 27. Juni 1999 von der Bundesregierung verabschiedet.

Gender Budgeting

Gender Budgeting ist ein Instrument des Gender Mainstreaming und bezieht sich auf die Haushaltspolitik. Es beinhaltet die Analyse von Haushaltsentscheidungen unter Einbeziehung der Geschlechterperspektive. Dies ist sinnvoll, da Frauen und Männer durch ihre unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen unterschiedlichen Nutzen aus staatlichen Ausgaben und Förderungen ziehen.
Durch eine geschlechtergerechte Verteilung öffentlicher Gelder ist Gender Budgeting ein Beitrag zur angestrebten Gleichstellung von Männern und Frauen. Notwendige Voraussetzung dafür ist eine geschlechtsspezifische Datenerhebung.