Rede von Katharina Krefft zum Thema Springerpool für Kindertagesstätten am 20.05.2009

Sehr geehrter Herr OBM, geehrte Stadträte und Stadträtinnen, liebe Gäste.

Alle, die Berührung mit kleinen Kindern und ihrer Betreuung haben, wissen es: wir haben dramatische Zustände in den Einrichtungen was die personelle Ausstattung angeht. Es gibt einen Betreuungsschlüssel von 1 Erzieherin auf 6 Kinder im Krippenbereich und 1 auf 13 im Kindergarten. Dieser Betreuungsschlüssel reicht vorne und hinten nicht. In die Berechnung sind Fehlzeiten (Urlaub, Krankheit, Weiterbildung) nicht mitberechnet, aber die Personaldecke kann nur ausreichen kann, wenn immer alle Betreuer zur Verfügung stehen. Und so kann der Betreuungsschlüssel nicht funktionieren!

Wir erleben selber, dass eine Erzieherin häufig genug alleine mit bis zu 26 Kindern ist. Der Betreuungsschlüssel sieht nicht vor, dass zu jeder Zeit 1 Erzieherin 6 oder 13 Kinder betreut, sondern über 9 Stunden dieser Durchschnitt zu Stande kommt. In der Kernzeit kommt es dann besonders zu der Situation, dass eine Erzieherin mit den Kindern alleine ist.

Was bedeutet das? Eine Erzieherin meiner Tochter beschreibt es so: wir stehen mit einem Bein im Knast.
Wir muten unseren Erzieherinnen ungehörig viel zu! Ja, wir lassen sie alleine!

Es kommt alltäglich vor, dass ein Kind gewindelt oder zur Toilette begleitet wird und die Gruppe alleine ist. Dass sich ein Kind verletzt und versorgt werden muss. In der Zeit passiert nicht unbedingt etwas, aber es kann etwas passieren und diese Sorge belastet die Erziehenden.

Wir haben im Dezember über die Zeitung dazu aufgefordert, uns die Probleme zu schildern, denn wir wollten unsere Eindrücke überprüfen, ob sie allgemein gültig die Zustände beschreiben. Die Resonanz war für uns eindrücklich! Eine Erzieherin auf 19 Kinder sei der Normalfall! Aus einer Integrativen KiTa wird gemeldet, 6 von acht Erzieherstellen seien nur besetzt, sie betreuen teilweise 18 Kinder alleine. Eine andere integrative Einrichtung meldet 1 auf 15 Kinder. Über 3 Monate betreuten 2 Erzieherinnen 34 Kinder, häufig war jedoch die eine Erzieherin alleine mit einer Praktikantin. In einer weiteren Einrichtung werden 16-18 Kinder durch eine Erziehende betreut.

Die Entscheidung über den Betreuerschlüssel ist eine, die vom Landtag getroffen wird! Das wissen wir. Gleichwohl fühlen wir Stadträte von Bündnis 90/Die Grünen uns verantwortlich! Und darum haben wir uns eine Lösung erdacht, die wir als Stadt, als Träger von 1/3 der Einrichtungen, umsetzen können: einen Springerpool. Wir wollen, dass ein Pool von Erzieherinnen auf Abruf zur Verfügung steht, um bei Ausfall einzuspringen.

Wie dies konkret auszugestalten ist, wie viel Geld wir dafür brauchen, ob es Erzieherinnen gibt, die bereit sind, stets ihren Arbeitraum zu wechseln, sich auf neue Kinder einzustellen, die Koordinierung, inklusive des Vorgehens im Bedarfsfall, über all dies müssen wir sprechen. Aber zunächst braucht es diesen Grundsatzbeschluss, dass wir diesen innovativen Weg gehen wollen. Keine deutsche Stadt praktiziert ihn! Es gab Städte, die ihn gingen und mangels Erfolg einstellten. Das sollte uns nicht entmutigen, nein, wir wollen mit Engagement zeigen, dass es geht.

Der Spingerpool soll ganz sicher nicht die Diskussion um einen günstigeren Betreuungsschlüssel behindern, ganz im Gegenteil, er soll zeigen: Leipzig wartet nicht, wir lassen die Erziehenden nicht alleine!

Meine Herren, meine Damen: wir tragen nämlich Verantwortung! Ich möchte nicht erleben, dass es zu der Situation kommt, dass eine Erzieherin ein Kind z. B. nicht zum Arzt bringen kann, weil sie 18 Kinder alleine zurücklassen müsste. Ich möchte nicht warten, bis etwas passiert. Und es liegt an uns, vorzubeugen. Und es liegt an uns, den Erziehenden ein Stück weit die Sorgen zu nehmen. Es sind immerhin städtische Angestellte! Ob freie Träger sich beteiligen möchten, muss ihnen eröffnet werden, auch das eine Frage des Engagements für den Springerpool.

Es wird argumentiert, und liebe Gäste, die Beschlüsse in den vorberatenden Gremien waren ablehnend, die Kinder würden dann von jemand Fremden betreut. Ja, aber besser von einer ihnen unbekannten Fachkraft, als gar nicht! Und es heißt ja nicht, dass die Springerin alleine mit den Kindern ist, es wären dann beispielsweise 2 Erzieherinnen – eine vertraute und eine unbekannte, mit den Kindern zusammen. Auch die KoKos, die derzeit in den Einrichtungen eingesetzt werden, sowie die Praktikanten, sind den Kindern erst mal unbekannt. Auch kann man das Problem entschärfen, wenn immer die gleiche Springerin in einer Einrichtung eingesetzt wird.

In Heilbronn haben GRÜ/FDP/SPD sich gemeinsam für den Springerpool eingesetzt. Auch hier wurde erkannt, dass der Springerpool nur ein Instrument für den Bedarfsfall ist.

Die Verwaltung hält uns entgegen, dass das Landesjugendamt einen günstigeren Betreuungsschlüssel erarbeitet hat und dem Landtag zuleiten wird. Das Problem ist erkannt, nicht zuletzt durch die Erhebung der Berthelsmann-Stiftung zur Kindertagesbetreuung, die verdeutlicht, dass Sachsen in der Personalausstattung im letzten Viertel der Bundesländer liegt. Der Betreuungsschlüssel muss den Realitäten angepasst werden, und er muss getrennt nach Kernzeit und Früh- und Nachmittag angewendet werden. Die Probleme sind nämlich in der Kernzeit am größten, hier kommt es zur permanenten und systematischen Überlastung der Erziehenden.

Meine Herren und Damen, die personelle Unterbesetzung führt im Übrigen auch dazu, dass Plätze in den Einrichtungen unbesetzt bleiben, weil die Leiterinnen es nicht verantworten können, sie zu besetzen. In Anbetracht dessen, dass keine Familie zur Zeit einen Platz bekommt, Kinder über 3 Jahren im Krippenbereich verbleiben, weil die Kindergärten voll sind, 3jährige Kinder aus der Tagespflege kommend, keinen verfügbaren Platz finden, trotz Rechtsanspruches übrigens. Sie sagen dann, das ist jeden Sommer so, bis zum Schulbeginn, aber gerade deshalb brauchen wir mehr Flexibilität, denn die Kinder werden nicht nur im August geboren! Wir müssen handeln, und dies ist ein Vorschlag, um die Situation zu entschärfen! Verschließen sie sich nicht, es geht um die Kinder in dieser Stadt! Es geht um die Menschen, die mit ihnen zu tun haben, und sich größte Sorgen machen!