Rede zum Thema "Anpassung der Gebührenordnung in den Kindertageseinrichtungen" am 16. Juni 2010

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, werte Stadträte und Stadträtinnen, liebe Gäste,

wir entscheiden heute über die Anpassung der Gebührenordnung in den Kindertageseinrichtungen an die gelebte Wirklichkeit, und erweitern den Familienbegriff, so wie er in der Gesetzgebung bereits zu Grunde gelegt wird.
Für Leipzig sind 60% unehelich geborene Kinder, und jedes 2te Kind, das in den ersten 3 Lebensjahren eine Trennung der Eltern erlebt, sicher bemerkenswert. Aber bedeutet es weniger Familie?

Was ist Familie? Es ist erstaunlich, aber Familie ist eine Erfindung der Neuzeit. Erst im 18.Jhdt setzte sich der Begriff durch, zuvor sprach man von Hausgemeinschaften mit einem Hausherren, der nicht unbedingt der biologische Vater war. Oder vom Mann und seinem Weib mit Kindern. Familie ist auch aus dem Lateinischen übersetzt die Hausgemeinschaft. Sie war über Jahrhunderte ein größerer sozialer Verbund, also etwas anderes, als in den "golden age of marriage“, die Zeit der 1950er und 1960er Jahre, als wohl einmalig das Modell des Familienzyklus, also einem wiederkehrenden Ablauf von Geburt, Aufwachsen, Familiengründung, Geburt, ordentlich ablief. Als für kurze Zeit die Kleinfamilie ihre Hochzeit erlebte.

Ich darf hier postulieren: So viel Familie wie heute war noch nie. Erst heute erleben Kinder ihre Eltern üblicher Weise bis in deren hohes Alter, war doch jahrhundertelang die durchschnittliche Lebenserwartung bei 35 Jahren. Und: die Pluralität, in der Familie gelebt wird, zeigt erst heute ihre Fülle: Klein- und Groß, Ein-Eltern- oder polyamore Familie, Regenbogen-, Pendler- Stief-, Pflegefamilie oder auch Mehrgenerationenfamilie.

Dass ein Erwachsener eine neue Ehe oder eheähnliche Gemeinschaft eingeht, wurde bis in die jüngste Geschichte gesellschaftlich nur beim Tod des vorherigen Partners akzeptiert. Stiefkinder waren demzufolge beinahe immer Halbwaisen.
Nach dem zweiten Weltkrieg war etwa ein Viertel der Kinder vaterlos, da ihre Väter getötet, vermisst oder in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Rund 15 Millionen Männer fehlten im Mai 1945 in deutschen Familien.

Der Anteil der Kinder, die während und nach des Krieges durch Kriegsdienst oder Kriegsgefangenschaft zumindest zeitweise ohne Vater aufwuchsen, wird auf weitere 25 bis 30 % geschätzt. Jedes 2te Kind war also betroffen! Und litt nicht nur unter der Abwesenheit des eigenen Vaters, sondern auch unter der Partnerlosigkeit der Mutter, unter einem neuen Mann, allerdings auch unter der Wiederkehr eines traumatisierten Vaters.

Familie wurde beeinflusst von Vaterlosigkeit und Müttersterblichkeit – Kriege, Krankheiten und das Kindbett waren Ursache für Veränderungen in der Familie. Wie traumatisch das von den Kindern erlebt wurde, zeigt sich in Liedern und Märchen:

Suse, liebe Suse, was nüstelst im Stoh? Die Mutter ist gestorben, der Vater ist froh. Freit sich der Vater ein ander jung Weib, bekommen die Kinder die Prügel auf den Leib.

Die Müttersterblichkeit betrug im späten 18. Jhdt mindestens 1%. Die Lücke, die eine Mutter hinterließ, musste geschlossen werden, um die Kinder zu versorgen und den Haushalt zu führen – was früher ja eine ganz andere, existentiellere Bedeutung hatte.

In dem Maße, in dem Familie durch die Bedingungen der Industralisierung, aber ganz entscheidend durch die Bildungsexpansion einem Wandel unterworfen wurde, trat die Liebesehe, die die bürgerliche Familie begründete, auf, und wurden Aufgaben, die zuvor subsidiär geleistet wurden, auf andere Institutionen übertragen - den Staat, die Fürsorge, politische Gemeinden oder Versicherungsanstalten.

Will man diese Entwicklung umkehren, verliert man auch die Errungenschaften der Moderne. Und darum wollen wir unser Handeln für Familien an ihrer Realität ausrichten. Und nicht an einem Idealbild der Romantik, das historisch nur kurz bestand.

Lesetipp: Beitrag zu diesem Thema von Katharina Krefft im Ratschlag, Ausgabe Juli 2010 [lesen]