So viel Familie war nie – wie die neue Gebührenordnung für Kitas für Aufregung sorgte ...

Ratschlag, Juli 2010

von Katharina Krefft

Vor der Sommerpause passte das Jugendamt die Gebührenordnung in den Kindertageseinrichtungen an. Ausgangspunkt ist der erweiterte Familienbegriff, wie er in der Gesetzgebung, z. B. beim Kindergeld oder der Steuerveranlagung, bereits angewandt wird. Der Stadtrat hat dem Vorschlag mit großer Mehrheit zugestimmt.

Auslöser war die Beschwerde einer Familie, in der beide Partner jeweils ein Kind aus früherer Beziehung in die neue Beziehung eingebracht haben und deren gemeinsamem Kind die Kostenfreiheit für die Kindertageseinrichtung als drittem Kind verwehrt wurde.

Der Beschluss der neuen Gebührenordnung legt nun fest, dass in Zukunft Kinder aus Haushaltsgemeinschaften von Eltern mit mehreren Kindern ebenfalls von den Absenkungen profitieren. Folgerichtig gelten als alleinerziehend nur Eltern, die ihr Kind tatsächlich alleine betreuen.

Die CDU-Stadträte waren wenig angetan und unterstellten, die Stadt Leipzig würde sich das Recht zurechtbiegen. Sie führten die Verfassung an, da dort Ehe und Familie unter besonderem Schutz stünden. In Leipzig werden 60 % der Kinder unehelich geboren, und jedes zweite Kind erlebt in den ersten drei Lebensjahren die Trennung der Eltern. Sicher ist das bemerkenswert, aber bedeutet dies weniger Familie?

Was ist Familie? Es ist vielleicht erstaunlich, aber Familie, wie wir sie verstehen, ist etwas relativ Neues. Erst im 18. Jahrhundert setzte sich der Begriff Familie durch, zuvor sprach man über Jahrhunderte vom Haus oder Hof, gemeint war ein größerer sozialer Verbund aller zusammenlebenden Personen, auch Gesinde und Inleute. Der „Hausherr“ war nicht unbedingt der biologische Vater der Kinder. Die „golden age of marriage“ war die Zeit der 1950er und 1960er Jahre, als für kurze Zeit die Kleinfamilie ihre Hochzeit erlebte. Das prägte wohl einzigartig unser Modell der idealtypischen Familie.

Kleinfamilie – das ist ein in der Menschheitsgeschichte neuartiges Phänomen: eine durch Liebesehe begründete Partnerschaft mit zwei bis drei Kindern. Noch um 1900 war die „normale“ Hausgemeinschaft ein Fünf-und-mehr-Personenhaushalt. Heute überwiegen insgesamt Ein- oder Zwei-Personenhaushalte. Familienlebenszeit mit Kindern findet hauptsächlich in der Altersgruppe der 30- bis 55-Jährigen statt. Es sind also nicht die Kinder, die ohne Familie leben, es sind ganz entscheidend die Alten!

Für Kinder war noch nie so viel Familie wie heute. Sie ist Verwandtschaft, auch an unterschiedlichen Orten. Schlug früher der Tod durch Kindbett, Krankheiten und Kriege allgegenwärtige Lücken und Neukonstellationen in die Familien, erleben heute Kinder ihre Eltern üblicherweise bis in deren hohes Alter. Die Pluralität, in der Familie gelebt werden kann, zeigt erst heute ihre Fülle: Klein- und Groß-, Ein-Eltern- oder polyamore Familie, Regenbogen-, Pendler-, Stief-, Pflegefamilie oder auch Mehrgenerationenfamilie.

In dem Maße, in dem Familie ganz entscheidend durch die Bildungsexpansion auch einem gesellschaftlichen Wandel unterworfen wurde, wurde ein Teil ihrer Aufgaben auf den Staat, die Gemeinden oder Versicherungsanstalten übertragen.

Will man diese Entwicklung umkehren, verliert man auch die Errungenschaften der Moderne. Und so wollen wir unser Handeln für Familien an ihrer Realität ausrichten. Nicht an einem Idealbild der Romantik, das historisch nur kurz bestand. Für mich ist Familie dort, wo Menschen, als Verwandte oder Lebenspartner, füreinander einstehen.

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