Thema: Rede von Katharina Krefft zum Thema Modellprojekt aufsuchende Straßensozialarbeit für Alkoholkranke am 20.06.2007

Sehr geehrter Herr OBM, werte Herren und Damen Stadträte, liebe Gäste,

mit unserem Antrag „Modellprojekt aufsuchende Straßensozialarbeit für Alkoholkranke“ möchten wir ein neues Angebot in der Suchtberatung und –betreuung etablieren. Es wäre ein Angebot, das bisher in dieser Stadt nicht zu finden ist, und es birgt die Chance, Leipzig als innovativ und kreativ zu präsentieren. Wir freuen uns, dass die Stadtverwaltung sich ein solches Angebot vorstellen kann und sich damit beim Freistaat bewerben möchte.

Wir meinen, dass dieses Modellprojekt bei der Staatsregierung positiv aufgenommen werden dürfte, hat Frau Staatsministerin Orosz doch öffentlich zugesagt, die Suchthilfe in Sachsen ausbauen und das bestehende Hilfenetzwerk durch zielgruppenspezifische Angebote ergänzen zu wollen.

Meine Herren und Damen, ein Blick in den Suchtbericht bestätigt das Anliegen. Der Anteil der Alkoholkranken unter den Suchtkranken ist mit Abstand am größten. Die Angebote wie Beratungsstellen, Suchtklinik, Prävention sind zwar breit gefächert, aber sie haben ein gemeinsames Problem: Die Betroffenen müssen selber kommen, und das erfordert einen hohen Leidensdruck. Dieser tritt meist erst dann ein, wenn der Arbeitsplatz verloren ist, die Beziehung und familiäre Bindungen gebrochen sind, gesundheitliche Probleme sich eingestellt haben, also im 4. oder 5. Lebensjahrzehnt, nach durchschnittlich 11 Jahren Suchtkarriere. Die Angebote der Prävention wie aber auch Kampagnen wie die der Bundesregierung, die das Problem der Alkoholsucht im Rahmen einer Kampagne aufgegriffen und für diesen Juni zu einer Aktionswoche zu weniger Alkoholkonsum aufgerufen hat, zielen außerdem überwiegend auf Jugendliche und SchülerInnen, im Sinne einer Primärprävention.

Wir möchten mit der aufsuchenden Straßensozialarbeit ein Instrument einführen, das den erwachsenen Gefährdeten und Betroffenen frühzeitiger entgegenkommt und die Möglichkeiten von Beratung aber vor allem die Angebote der gesundheitlichen Versorgung und der sozialen Hilfesysteme eröffnet und durch Empathie und Begleitung zur Nutzung dieser motiviert. Die Straßensozialarbeit ist in der Jugendhilfe ein fester Bestandteil, für Erwachsene wird sie jedoch weitgehend nicht genutzt. Wir erwarten weniger, dass ein Straßensozialarbeiter die Betroffenen vor der Alkoholsucht bewahrt. Vielmehr wäre es das Ziel, gesundheitliche Beeinträchtigungen abzumildern, das soziale Abgleiten zu verhindern und die verstärkenden Faktoren der Sucht zurückzudrängen. Man darf es auch als erweiterte Prävention betrachten.

Alkoholkonsumierende sind im Leipziger Straßenbild sehr präsent. Der Bürgerdienst hat einige Treffpunkte der Betroffenen ausgemacht – hierauf kann also zurückgegriffen werden.

Herr OBM, anders als im Verwaltungsstandpunkt angedeutet, geht es uns NICHT um das Unsichtbarmachen des Problemes. Wir wollen die Menschen nicht verdrängen. Vielmehr wird die Problematik durch den öffentlichen Konsum für alle sichtbar – und damit die Aufforderung zum Handeln überhaupt deutlich. Ganz im Gegenteil meinen wir, dass diese Menschen es wert sind, unsere Hilfe zu bekommen. Wir sehen Erwachsene, deren Schicksal allgemein als hoffnungslos eingeschätzt wird und mit dieser Einschätzung, und einer Politik die sich daraus ableitet, gebe ich mich nicht zufrieden.

Das Modellprojekt passt im Übrigen auch in die strategische Kommunalpolitik. Denn die Kinder von Alkoholabhängigen sind signifikant gefährdeter, ebenfalls in eine Drogenabhängigkeit zu geraten.

Sicher könnte dieses Modellprojekt in eine Strategie für eine gesunde Stadt eingebettet werden. Dazu gehörte dann aber auch, stets selber zu hinterfragen, wie unser Umgang mit dem Alkohol ist. Anders als der Nikotingenuss ist Alkohol gesellschaftlich fest etabliert; während wir rauchfreie Rathäuser und Bahnhöfe, Verwaltungsgebäude und Schulen schaffen, ist der Alkohol bei Veranstaltungen offensichtlich nicht wegzudenken. So wäre ein Stadtfest ohne Bierwagen, ein Empfang ohne Alkoholausschank schon exotisch zu nennen. Ohne es jetzt übertreiben zu wollen, aber es sollte doch öfter möglich sein!

Wir bitten um Zustimmung zum Verwaltungsvorschlag.

   

Alternativvorschlag der Verwaltung

1. Es wird vorgeschlagen, ein Modellprojekt der frühzeitigen Intervention zu beschreiben, dieses wird dem Drogenbeirat zur Vorberatung zugeleitet. Über eine Anbindung der Stelle an eine bestimmte Strukureinheit, die notwendigen Qualifikationen und damit im Zusammenhang stehenden Kosten ist in der Beschreibung des Projektes Bezug zu nehmen. Es ist abzuwägen, ob die Anbindung an eine niedrigschwellige Kontaktstelle erfolgen soll. Hier wird dem Menschen zum einen ein soziales Netz und eine Anlaufstelle geboten, die sie beim Treff an der Kaufhalle suchen, und zum anderen bieten sich über diesen Zugang Vermittlungswege in Hilfeangebote, die individuell zu wählen sind.

2. Die Konzeptentwicklung hat in enger Abstimmung der Suchtbeauftragten der Stadt beim Gesundheitsamt (federführend) und dem Sozialamt zu erfolgen. Der Drogenbeirat ist zu hören.

3. Für das Modellprojekt wird die Zustimmung des Stadtrates eingeholt und beim Freistaat Sachsen werden Fördermittel beantragt.