Thema: Rede von Katharina Krefft zum Thema Standorte Allgemeiner Sozialdienst am 08.02.2006

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Herren und Damen, liebe Gäste,

wir beantragen hier die wissenschaftliche Begleitung bei der Zusammenlegung von Standorten des Allgemeinen Sozialdienstes. Der allgemeine Sozialdienst war bisher an 8 Standorten vertreten und neben den Standorten der wirtschaftlichen Sozialhilfe angesiedelt.

Er ist dem Jugendamt zugeordnet und Anlaufstelle für viele Bürgerinnen und Bürger, die Hilfestellung benötigen. Er hilft Menschen, die zu ihm kommen, reagiert aber auch auf Problemanzeigen durch Nachbarn, Lehrer oder andere Stellen im Hilfe- und Sozialsystem.

Aufgaben sind Hilfen bei Antragstellungen für Leistungen, das Ratgeben bei sozialen Fragestellungen, Begleitung bei Sorgerechtsfragen, Hilfe bei Bedrohung durch Wohnungslosigkeit, Vermeidung von sozialen Härten im Alter. Der ASD hilft Menschen, die abzustürzen drohen, die sozial gefährdet sind. Alten wie Kindern, Wohnungslosen oder Suchtgefährdeten.


Mit der IV. Reform am Arbeitsmarkt, also Hartz IV, haben sich die Hilfegesuche an die wirtschaftliche Sozialhilfe erheblich verringert, entsprechend wurden hier die Standorte verringert und in diesem Zuge damit auch die Standorte des ASD zusammengelegt.

Die Standorte waren bisher ziemlich über alle Himmelsrichtungen in der Stadt verteilt. Mit der Halbierung der Zahl der Standorte verlängern sich jedoch nun die Wege für Klienten und Klientinnen zum einen, und zum anderen sind die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen viel weiter vom Sozialraum ihrer Klienten entfernt. Es steht zu befürchten, dass Menschen die weiten Wege nicht gehen können und Hilfe sie verspätet oder gar nicht erreicht.

Wir teilen ausdrücklich nicht die Sicht von Herrn Jung, dass gewisse Hürden zum Erreichen von Hilfestellung den Klienten und Klientinnen gut tut. Wir müssen uns bewusst sein, dass jeder Mensch in eine Lebenslage kommen kann, in der er sich schlichtweg selbst nicht mehr weiterhelfen kann. Ihm dann noch weite Wege zuzumuten, um ihm vorgeblich eine Tagesstruktur geben zu wollen, ist der falsche Ansatz. Eine Tagesstruktur aufzubauen ist – falls überhaupt nötig – ein Teil der Arbeit, die Sozialarbeiter leisten müssen!


Nun noch zum Verwaltungsstandpunkt. Hier wird auf sogenannte Mehrgenerationenhäuser (nebenbei: das ist eine völlig neue Begrifflichkeit – Mehrgenerationenhäuser im herkömmlichen Sinne sind Wohngemeinschaften) verwiesen, die nun durch Förderung des Bundes in mehreren Stadtvierteln aufgebaut werden sollen. Es ist nicht untypisch, dass in den Verwaltungsstandpunkten auf übergeordnete Finanziers verwiesen wird – allein es ist bloße Hinhaltetaktik.

Auch frage ich mich, weshalb ein bewährtes Hilfesystem ausgedünnt wird, wenn das neue noch gar nicht zur Verfügung steht?! Und schließlich: Schauen wir uns das bestehende Mehrgenerationenhaus doch genauer an: Hilfeangebote werden hier durch nicht ausreichend qualifizierte Angestellte in Arbeitsgelegenheiten, sogenannten 1-€-Jobs, erbracht. Also zu Dumpingpreisen. Das kann und darf nicht die Zukunft der sozialen Hilfe in Leipzig sein, Herr Jung!

Wir können auf die Standortfrage keinen Einfluß nehmen, sie liegt in der Organisationshoheit des Dezernenten. Herr Jung ist der Ansicht, dass sich mit der Zusammenlegung effizientere Strukturen realisieren lassen. Wir halten die Zusammenlegung für höchst bedenklich und möchten mit unserem Antrag dazu beitragen, qualifiziert zu untersuchen, wie sich die Auswirkungen auf das Soziale Netz der Stadt Leipzig darstellen.
Wir meinen, dass bei der dramatischen Finanzsituation der Stadt durchaus Strukturen verändert werden können, jedoch sehen wir die Stadt eindeutig in der Verantwortung, soziale Sicherheit weitestgehend zu gewährleisten. Eine lebenswerte Stadt muss ihren Bürgern und Bürgerinnen in schwierigen Lebenslagen zur Seite stehen. Wir halten den ASD für die richtige Anlaufstelle, die frühzeitig ansetzen und kritischere Lagen verhindern kann. Unterm Strich ist diese Leistung kostengünstiger – man konnte das bereits bei den Hilfen zur Erziehung ablesen – und damit nachhaltiger. Und darum ist es an dieser Stelle auch angebracht, finanzielle Mittel aufzuwenden, um zu untersuchen, ob die neue Struktur wirklich effizient ist. Die ablehnende Verwaltungsmeinung bestätigt eigentlich nur, dass unsere Sorge berechtigt ist!

In diesem Sinne bitte ich um die Zustimmung zu unserem Antrag.